Gestaltung des Vergangenen, Visionen des Kommenden: (Trans-)Formation von Geschichte im 10. Jahrhundert

Dr. Christian Stadermann

Das Forschungsvorhaben versteht sich als ein Beitrag zu einer Kulturgeschichte der Geschichtsschreibung. Ziel des Vorhabens ist es, anhand der um 1000 entstandenen „Historien“ des Mönches Aimoin von Fleury – einer Geschichte der Franken von ihren mythischen Ursprüngen bis zur Herrschaft der Karolinger – exemplarisch Verfahrensweisen im Umgang mit tradierten Beständen historischen Wissens vor dem Hintergrund neuer gesellschaftlicher Kontexte an der Schwelle vom Früh- zum Hochmittelalter zu erschließen.

Geschichtsschreiber aller Epochen, so auch Aimoin (ca. 970-1008), exzerpierten und kompilierten ältere Texte (z. B. Gregor von Tours „Zehn Bücher Geschichte“; „Fredegarchronik“) für ihre Zwecke. Dabei erfuhren die in den Texten tradierten historischen und kulturellen Wis­sensbestände Modifikationen, indem sie an jeweils aktuelle gesellschaftliche, kulturelle und politische Kontexte adaptiert wurden. Die von Aimoin definierten Kriterien der Quellenauswahl, die von ihm angewandten Techniken, mit denen er das selektier­te Quellenmaterial bearbeitete (u. a. Komplexitätsreduk­tion, inhaltliche Schwerpunktverlagerung, Rückbezug auf vorbildliche Autoren (imitatio), inhaltliches und stilisti­sches Kondensieren, Verdichten, Variieren, Verdrängen), sowie seine Vorstellungen, nach denen er seine Vorlagen exzerpierte, modifizierte und adaptierte, sind untrenn­bar mit zeitgenössischen sozialen, politischen, kulturel­len und theologischen Diskursen verbunden. So kann vermutet werden, dass Aimoin von Fleury mit seinem Werk z. B. den Thronanspruch der Kapetinger legitimie­ren wollte, um die Unterstützung der Nachfolger der Karolinger für eine klösterliche Reformpolitik und den Schutz der Abtei von Fleury vor Ansprüchen lokaler Adelsgeschlechter zu erhalten. Ebenso kann angenom­men werden, dass Aimoins Umgang mit historischem Wissen nicht nur die politischen und theologischen Dis­kurse seiner Zeit, sondern auch sozio-kulturelle Entwick­lungen im Westfrankenreich des 10. Jahrhunderts reflek­tierte. So ist etwa Aimoins Auffassung von königlicher „auctoritas“ nicht nur von lehnsrechtlichen Vorstellun­gen, sondern auch vom mönchischen Ideal der Benediktregel inspiriert. Die „Historien“ Aimoins von Fleury sind somit mehr als nur eine Form der literarischen Ausei­nandersetzung mit der Vergangenheit; sie enthal­ten auch Spuren eines gesellschaftlichen Diskurses im Westfrankenreich um 1000, der aus historiographischer Perspektive bisher wenig untersucht wurde. Die Analyse der Verarbeitung historischer Wissensbestände durch Aimoin von Fleury soll daher die sozialen, kulturel­len, religiös-theologischen und politischen Entwicklungen im 10. Jahrhundert, aber auch die institutionellen Ent­stehungsbedingungen seiner „Historien“ berücksichtigen.

Dr. Stadermann möchte jedoch nicht bloß den besonderen Charakter des Aimoinschen Geschichtswerkes und ein literarisches Portrait seines Autors herausarbeiten und ihn so in seiner Eigenart als Geschichtsschreiber und in seinem Geschichtsbewusstsein beschreiben und würdi­gen. Vielmehr weist die Untersuchung in vielerlei Hin­sicht über Aimoins Werk hinaus. Sie lässt neue funktio­nale Wissensordnungen an der Schwelle vom Früh- zum Hochmittelalter erkennbar werden und gewährt Einblick in Prozesse der Transformation überkommener histori­scher Wissensbestände sowie in Adaptions- und Normie­rungsprozesse kollektiv verbindlichen historischen Wis­sens in postkarolingischer Zeit. So wird der Blick auf neue Formen der Präsentation von Vergangenheit und die Kanonisierung historischen Wissens in nachkarolingi­scher Zeit frei. Damit möchte Dr. Stadermann einen Beitrag zu einem besseren Verständnis der Geschichte der Geschichtsschreibung am Übergang vom Früh- zum Hoch­mittelalter leisten.

Gefördert von der Fritz-Thyssen-Stiftung (2023-2026)

Kontakt: Dr. Christian Stadermann

E-Mail: christian.stadermannuni-greifswaldde