Historisches Institut

Festschrift zum 150jährigen Bestehen des Historischen Instituts der Universität Greifswald, hrsg. von Niels Hegewisch, Karl-Heinz Spieß und Thomas Stamm-Kuhlmann, Stuttgart 2015.
Gedenktafel für Adolf Hofmeister am Historischen Institut in Greifswald
 

Das Historische Institut feierte 2013 sein 150-jähriges Bestehen und gehört damit zu den ältesten Einrichtungen dieser Art in Deutschland. Hier haben national wie international hoch angesehene Wissenschaftler geforscht und gelehrt und den Grundstein für das heutige Profil des Instituts gelegt.

1863 wurde das Institut als Historisches Seminar von Arnold Dietrich Schäfer gegründet und 1951 in Historisches Institut umbenannt. Es war u.a. Wirkungsstätte von Heinrich Otto Seeck (1881-1907), Ernst Bernheim (1883-1921), Fritz Curschmann (1904-1939), Adolf Hofmeister (1921-1955), Hans Glogan (1912-1934) und Konrad Fritze (1953-1991).

Die große Zahl der Geschichtsstudenten (917 Studierende im Wintersemester 2016/2017) verweist auf die Attraktivität des Geschichtsstudium in Greifswald. Das Historische Institut gehört damit zu den größten
Einrichtungen der Universität. Geprägt durch international vernetzte Forschungsprojekte, eine exzellente Lehre und eine intensive Betreuung der Studierenden ist das Greifswalder Historische Institut ein vorzüglicher Ort,
um den Bachelor und Master in Geschichtswissenschaft oder das Staatsexamen zu absolvieren.

Fünf Professuren vertreten die einzelnen historischen Epochen, die Hilfswissenschaften und epochenübergreifend die Geschichte von Nord- und Osteuropa. Neben Lehrveranstaltungen zur Alten Geschichte, werden Vorlesungen, Seminare und Kolloquien zur Geschichte des Mittelalters, zur Geschichte der Frühen Neuzeit, der Neuesten Zeit einschließlich der Zeitgeschichte, sowie zur Nordischen und Osteuropäischen Geschichte als Schwerpunkte angeboten. Daneben ist auch der Bereich Fachdidaktik vertreten und die Fächer Gräzistik und Latinistik an das Institut angesiedelt. An dem Historischen Institut befindet sich das Internationale Graduiertenkolleg "Baltic Borderlands: Shifting Boundaries of Mind and Culture in the Borderlands of the Baltic Sea Region" und die Arbeitsstelle "Inschriften des Mittelalters und der Frühen Neuzeit".

Einen besonderen Schwerpunkt von Forschung und Lehre stellen die Geschichte des Ostseeraumes - von der vorgeschichtlichen Zeit bis in die Gegenwart - und seine vielfältigen politischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Verbindungen zu anderen Regionen dar. Dieses breite Themenspektrum spiegelt sich in der umfangreichen Ausstattung der Bereichsbibliothek wider.

Das Institut unterhält enge Kontakte zu vielen Universitäten im Ausland wie beispielsweise Szczecin/Stettin, Gdańsk/Danzig, Vilnius/Wilna, Riga, Tartu/Dorpat, St. Petersburg, Helsinki, Stockholm, Lund, Kopenhagen, Bergen sowie zur University of California in Santa Barbara, um nur einige zu benennen. Auslandsaufenthalte von Studierenden werden ausdrücklich unterstützt. Durch enge Kooperationen mit Archiven, Museen, Gedenkstätten, Schulen und Gymnasien in Mecklenburg-Vorpommern wird eine praxisnahe Ausbildung ermöglicht.

Das 1911 fertig gestellte Institutsgebäude in der Domstraße 9 a (s. Bild) wurde unter Leitung des Landbaudirektors Ernst Lucht errichtet und weist sich durch eine elegante Mischung aus schlichter Moderne einerseits und neobarocken und neoklassizistischen Elementen andererseits aus. Nachdem mehrere größere Putzstücke herabgefallen waren und sich deutliche Risse in der Außenwand zeigten, wurde das Gebäude im Jahre 2010 untersucht. Aus Sicherheitsgründen wurde es im selben Jahr komplett gesperrt. Im Juli 2015 begann die Sanierung des denkmalgeschützten Gebäudes durch den Betrieb für Bau- und Liegenschaften Mecklenburg-Vorpommern. So wurde zum Beispiel das alte Gestühl im Hörsaal aufgearbeitet und das historische Farbkonzept übernommen. Überraschender Blickfang ist die Deckenmalerei über dem Treppenhaus. Neu sind ein Aufzug sowie eine Rampe vor dem Eingangsbereich, damit kann das Gebäude barrierefrei erreicht und genutzt werden. Auch Küchen sowie komplett neue Sanitäranlagen gehören zur Ausstattung. Zudem wurde eine Außentreppe als zweiter Rettungsweg gebaut. Das Gebäude wurde im Juni 2017 an die Universität übergeben und Mitte Juli begann der Umzug der Mitarbeitenden des Historischen Instituts aus der Bahnhofstraße 51 und der Rubenowstraße 2. Fast alle Lehrstühle des Historischen Instituts sind dort untergebracht. Außerdem befinden sich im Gebäude zwei Hörsäle und drei Seminarräume. Der Lehrstuhl für Allgemeine Geschichte der Neuzeit und das Internationale Graduiertenkolleg "Baltic Borderlands" sind nach wie vor in der Rubenowstraße 2.

Die Fachbibliothek Geschichte musste mit der Schließung im Jahr 2010 verlegt werden. Sie befindet sich jetzt in der Bereichsbibliothek am Campus Loefflerstraße.

Professoren des Historischen Instituts waren u. a.

Arnold Dietrich Schaefer

geb. 16.10.1819 in Seehausen bei Bremen
gest. 19.11.1883 in Bonn

1857 ord. Prof. für Geschichte, Gründer des Historischen Seminars 1863
1865 Wechsel nach Bonn

Arbeiten zur Geschichte der Antike und Preußens in der Frühen Neuzeit

Schriften (Auswahl):
Abrisz der Quellenkunde der Griechischen und Römischen Geschichte: Abth. 1:  Abriss der Quellenkunde der griechische Geschichte bis auf Polybios, Leipzig 1867; Abth. 2: Die Periode des römischen Reiches, Leipzig 1881.

Theodor Hirsch

geb. 17.12.1806 in Altschottland bei Danzig
gest. 12.02.1881 in Greifswald

1865 ord. Prof. für Geschichte und Oberbibliothekar der Kgl. Universitätsbibliothek

Arbeiten zur preußischen Geschichte und zu den historischen Hilfswissenschaften

Schriften (Auswahl):
Danzigs Handels- und Gewerbsgeschichte unter der Herrschaft des Deutschen Ordens, Leipzig 1858.

 

 

Rudolf Usinger

geb. 7.06.1835 in Nienburg an der Weser
gest. 31.05.1874 in Bremen

Studim der Geschichte an der Universität Göttingen, 1860 Promotion ("Die dänischen Annalen und Chroniken des Mittelalters") und später Habilitation
1865 Berufung als außerord. Prof. für Geschichte an der Universität Greifswald
1866 ord. Prof. für Geschichte an der Universität Greifswald
1868 Wechsel nach Kiel

Arbeiten zur mittelalterlichen, nordischen und hansischen Geschichte

Carl Friedrich Johann von Noorden

geb. 10.09.1933 in Bonn
gest. 25.12.1883 in Leipzig

1863-1868 PD für Geschichte an der Universität Bonn
1868-1870 ord. Prof. für Geschichte an der Universität Greifswald
1870 Wechsel nach Marburg

Arbeiten zur frühmittelalterlichen Reichsgeschichte und Geschichte England in der Frühen Neuzeit

Schriften (Auswahl):
Europäische Geschichte im achtzehnten Jahrhundert, Abt. 1: Der spanische Erbfolgekrieg, Düsseldorf 1870.

Bernhard Erdmannsdörfer

geb. 24.01.1833 in Altenburg
gest. 1.03.1901 in Heidelberg

1871 ord. Prof. für Neuere Geschichte
1873 Wechsel nach Breslau

Arbeiten zur mittleren und neueren Geschichte Deutschands und Preußens

Schriften (Auswahl):
Urkunden und Actenstücke zur Geschichte des Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg, Teil: 6., Politische Verhandlungen, Bd. 3, Berlin 1872.

Heinrich Ulmann

geb. 25.11.1841 in Weimar
gest. 17.11.1931 in Darmstadt

Studium an der Universität Jena, 1867 Habilitation
1870-1874 Prof. für allgemeine Geschichte an der Universität Dorpat
1874 Prof. für Neuere Geschichte an der Universität Greifswald
1912 Emeritierung

Arbeiten zur neueren Geschichte, vornehmlich der Reformationszeit

Schriften (Auswahl):
Kaiser Maximilian I.: auf urkundlicher Grundlage dargestellt,  Stuttgart 1884 (Bd. 1), 1891 (Bd.2).
Das Leben des deutschen Volks bei Beginn der Neuzeit, Halle 1893.
Über die Memoiren des Fürsten Adam Czartoryski, Greifswald 1898.
Geschichte der Befreiungskriege 1813 und 1814, München 1914 (Bd. 1), 1915 (Bd. 2).

Otto Seeck

geb. 2.02.1850 in Riga
gest. 29.06.1921 in Münster

1881 Prof. für Geschichte
1907 Wechsel nach Münster

Arbeiten zur alten Geschichte

Schriften (Auswahl):
Geschichte des Untergangs der antiken Welt, Stuttgart 1895-1921 (6 Bde.).
Die Quellen der Odyssee, Berlin 1887.
Kaiser Augustus, Bielefeld 1902.

Ernst Bernheim

geb. 19.02.1859 in Hamburg
gest. 3.03.1942 in Greifswald

1883 außerord. Prof. für mittlere und neuere Geschichte
1889 ord. Prof. für mittlere und neuere Geschichte
1921 Emeritierung

Arbeiten zur mittelalterlichen Reichsgeschichte und zur historischen Methode sowie zur Hochschuldidaktik, MGH-Mitarbeiter

Schriften (Auswahl):
Das Wormser Konkordat und seine Vorurkunden hinsichtlich Entstehung, Formulierung, Rechtsgültigkeit, Breslau 1906.
Zur Geschichte Gregors VII. und Heinrichs IV. (Quellen zur Geschichte des Investiturstreites, H. 1), Leipzig 1913.
Zur Geschichte des Wormser Konkordates (Quellen zur Geschichte des Investiturstreites, H. 2), Leipzig 1914.
Auswahl europäischer Verfassungsurkunden von 1791 bis 1871, Greifswald 1910.
Einleitung in die Geschichtswissenschaft, Leizpig 1907.

Hans Oskar Glagau

geb. 3.02.1871 in Berlin
gest. 7.12.1934

1904-1912 außerord. Prof. für neuere Geschichte in Marburg
1912-1934 ord. Prof. für Geschichte in Greifswald

Arbeiten zur neueren und neuesten Geschichte

Fritz Curschmann

geb. 17.03.1874 in Berlin
gest. 5.02.1946 in Greifswald

1905 Habilitation an der Univ. Greifswald
1909 Titularprofessor in Greifswald
1918 Prof. an der Universität Dorpat
1919 außerord. Prof. in Greifswald
ab 1926 Leiter des von ihm gegründeten Historisch-Geographischen Seminars
1928 Ordinarius und Direktor des Historischen Seminars

siehe auch Universität Greifswald im Nationalsozialismus

Adolf Hofmeister

geb. 9.08.1883 in Rostock
gest. 7.04.1956 in Greifswald

1921-1955 ord. Prof. für mittlere und neuere Geschichte

Arbeiten zur Geschichte des Mittelalters und Pommerns, MGH-Mitarbeiter

Schriften (Auswahl):
Deutschland und Burgund im früheren Mittelalter. Eine Studie über die Entstehung des Arelatischen Reiches und seine politische Bedeutung, Leipzig 1914.
Der Kampf um die Ostsee vom 9. bis 12. Jahrhundert (Greifswalder Universitätsreden, Heft 29), Greifswald 1931 (2. Aufl., 1942, 3. Aufl., 1960).
Genealogische Untersuchungen zur Geschichte des pommerschen Herzogshauses
(Greifswalder Abhandlungen zur Geschichte des Mittelalters, Bd. 11), Greifswald 1938.

Johannes Schildhauer

geb. 28.11.1918 in Dessau
gest. 1.04.1995 in Greifswald

1957 ord. Prof. für mittlere und neuere Geschichte
1983 Emeritierung

Arbeiten zur Hansegeschichte, zur mittleren und neueren deutschen Geschichte, besonders Sozialgeschichte

Schriften (Auswahl):
Die Grafen von Dassel. Herkunft und Genealogie, Greifswald 1946 (Dissertation).
Soziale, politische und religiöse Auseinandersetzungen in den Hansestädten Stralsund, Rostock und Wismar im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts, Greifswald 1956 (Habilitation).
Die Hanse (zusammen mit K. Fritze und W. Stark), Berlin 1974, 6. Aufl., 1985.

Konrad Fritze

geb. 8.08.1930 in Bernburg
gest. 14.01.1991 in Greifswald

1966 außerord. Prof.
1968 ord. Prof. für allgemeine und deutsche Geschichte

Arbeiten zur Hanse- und Wirtschaftsgeschichte

Schriften (Auswahl):
Am Wendepunkt der Hanse. Untersuchungen zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte wendischer Hansestädte in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts, Berlin 1967 (Habilitationsschrift).
Die Hanse (zusammen mit J. Schildhauer und W. Stark), Berlin 1974, 6. Aufl., 1985.


Greifswalder Altertumswissenschaftler von Weltrang - "Local Heroes" (Ringvorlesung im Wintersemester 2017/2018)

Vor 130 Jahren hatte die Universität Greifswald gerade einmal 1 000 Studenten, und nur etwa 15 von ihnen besuchten Veranstaltungen in den Fächern Griechisch, Latein, Alte Geschichte oder Archäologie. Diese wenigen Studenten der Altertumswissenschaften wurden aber von ganz hochkarätigen Wissenschaftlern unterrichtet, die wegweisende Forschung in Angriff nahmen und damit international Anerkennung erlangten. Die Ringvorlesung im Wintersemester 2017/2018 möchte diese erfolgreiche Tradition aufzeigen und damit auch ein Stück Universitätsgeschichte erzählen.

Zehn ausgewählte Forscherpersönlichkeiten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts werden mit ihrer wissenschaftlichen Leistung gewürdigt, die sich häufig auf gleich mehrere Fachdisziplinen erstreckte. Der Fokus liegt dabei auf ihrer Zeit in Greifswald: Da ist der alte Gelehrte, der um vier Uhr morgens im Schlafrock und mit Pfeife am Hafen steht und ein Schiff erwartet, oder der junge Professor, der auf dem Motorrad die Straßen der Stadt unsicher macht. In ihren wissenschaftlichen Biographien wird das akademische Leben im alten Greifswald anschaulich. 

www.uni-greifswald.de/local-heroes


Josef Keil

Der Greifswalder Althistoriker und Archäologe Josef Keil führte ein ungewöhnlich wechselvolles Leben. Geboren 1878 in Nordböhmen, ging er nach seinem Studium in Wien für zehn Jahre als wissenschaftlicher Sekretär des Österreichischen Archäologischen Instituts in das damals kosmopolitische Smyrna (heute Izmir in der Türkei). Von dort aus unternahm er zahlreiche epigraphische Forschungsreisen in Kleinasien. Er bestritt diese Reisen in das unwegsame südtürkische Gebirge mit einer Karawane von sieben Reitpferden, zehn Packpferden und zwei Kamelen; neben dem wissenschaftlichen Personal waren ein Kameltreiber, ein Koch, drei Pferdeknechte und drei Gendarmen mit dabei. 

Nach einer Verwundung im Ersten Weltkrieg habilitierte sich Keil und wurde 1927 als Ordinarius für Alte Geschichte an die Universität Greifswald berufen. Während seiner Greifswalder Zeit leitete er die prestigereichen österreichischen Ausgrabungen in Ephesos, der Hauptstadt der römischen Provinz Asia. (An diesem Jahrhundertprojekt haben zuletzt 200 Forscher und Forscherinnen aus über 20 Nationen gearbeitet; es wurde im September 2016 nach 120 Jahren von der türkischen Regierung aufgekündigt.) Unter Keils Leitung wurden in Ephesos bedeutende Bauwerke wie der Tempel des berüchtigten Kaisers Domitian, das Mausoleum von Belevi und die spätantike Johanneskirche freigelegt. Keils Forschungsberichte sind noch heute eine faszinierende Lektüre: "... In strömendem Regen gingen am frühen Morgen des 24. April Regierungsrat Dedy und die übrigen Teilnehmer der Expedition in Tasch-udschu an Land, während Herr Vizekonsul v. Pözel die Fahrt nach Beirut fortsetzte ... " 

1936 wurde Keil nach Wien zurückberufen, wo er in der Zeit des Nationalsozialismus Professor blieb, aber dennoch als so unbelastet galt, dass er nach der Befreiung 1945 sogar kurzfristig als provisorischer Rektor eingesetzt wurde. Nach seiner Emeritierung 1950 konzentrierte er sein Wirken auf die Österreichische Akademie der Wissenschaften. Die Wiederaufnahme der Grabungen in Ephesos im Jahre 1954 ist vor allem seiner Initiative zu verdanken; sein persönliches Forschungsinteresse aber galt in erster Linie den kleinasiatischen Inschriften, über die er zahlreiche Abhandlungen und Erstpublikationen verfasste.

 

Franz Susemihl

Franz Susemihl hat für fast ein halbes Jahrhundert die Altertumswissenschaften hier in Greifswald geprägt, nicht wie viele andere nur für wenige Jahre. Das betrifft nicht nur seine Lehrtätigkeit, sondern vor allem sein editorisches Schaffen der Schriften Platons und des Aristoteles (und entsprechender Übersetzungen), was bis in die Gegenwart wirkt. Er hat sich zudem der platonischen Philosophie gewidmet und ein überaus umfangreiches wissenschaftliches Corpus  zu verschiedensten Aspekten der antiken griechischen Philosophie und Literatur hinterlassen. Auch wenn er weniger hochschulpolitisch eingebunden war, blieb er für seine Schüler und Kollegen ein wichtiger Ansprechpartner.

Zugleich war er auch in der lokalen und städtischen Politik in Greifswald als Liberaler präsent und steht in diesem Sinne für einen Gelehrtentyp der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der im wahrsten Sinne des Wortes Grundlagenforschung geleistet hat, was nicht zuletzt sein Bestandsaufnahme der Geschichte der griechischen Literatur im hellenistischen Zeitalter zeigt. Er steht für einen Gelehrten, der Wissenschaft als Kärnerarbeit verstand und sich von daher ungemein fleißig, akribisch, diszipliniert und beharrlich der Schaffung einer soliden Basis von  Wissenschaft gewidmet hat, wie es ja auch die großen altertumswissenschaftlichen Projekte dieser Zeit verdeutlichen. Er steht somit dann weniger für die späteren „großen Würfe“, deren zeitbedingte Wirkung naturgemäß begrenzt bleibt. Seine Persönlichkeit zeichneten Bescheidenheit, Bedachtheit und eine ihm eigene Selbstkritik aus. Er ist dann hier in Greifswald ein wenig in Vergessenheit geraten. 


Franz Dornseiff

Der Klassische Philologe Franz Dornseiff (1888–1960) war in Greifswald von 1926 bis 1945 und dann erneut von 1947 bis 1948 Ordinarius für Klassische Philologie. In dieser Zeit hat er nicht nur altertumswissenschaftliche Arbeiten verfasst – vor allem auf dem Gebiet der griechischen Dichtung –, sondern auch als Indogermanist und Germanist geforscht.

 

Eduard Norden

Für den Latinisten Eduard Norden (1868–1941) bildete die Greifswalder Zeit einen ersten Höhepunkt seiner akademischen Laufbahn – sowohl in fachlicher wie auch in persönlich-familiärer Hinsicht. Hier verfasste er sein epochemachendes, von stupender Gelehrsamkeit zeugendes Werk über die antike Kunstprosa, das zu den Standardwerken der Klassischen Philologie zählt. Daneben fasste er mit seinem Greifswalder Kollegen Alfred Gercke den Plan zu einem Grundlagenwerk für Studierende, die mehrfach aufgelegte „Einleitung in die Altertumswissenschaft“, die unter dem Rufnahmen „Gercke-Norden“ untrennbar mit seiner Person verbunden ist.

Das rege Greifswalder Gesellschaftsleben, in das sich der eher zurückhaltende Norden nur allmählich hineinzufinden vermochte, führte ihn auch mit seiner künftigen Ehefrau Marie Schultze – einer Tochter des Greifswalder Bürgermeisters Richard Sigmund Schultze (1831–1916) – zusammen, mit der er sich 1897 vermählte. So blieb Norden auch nach seiner Berufung nach Breslau und in den kommenden Jahrzehnten der Stadt Greifswald stets aufs Engste verbunden.

Die Greifswalder Jahre festigten auch seine Stellung innerhalb der deutschen Altertumswissenschaft, so dass der als Sohn jüdischer Eltern im ostfriesischen Emden geborene Norden auch weiterhin offenbar keinerlei ‚außerwissenschaftliche’ Karrierehürden zu überwinden hatte. 1907 von Breslau nach Berlin berufen, gelang es ihm 1927, zum Rektor der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität gewählt zu werden. Antisemitische Anfeindungen blieben ihm anscheinend auch in dieser Rolle erspart. Umso härter traf ihn, der sich im Alter von 17 hatte taufen lassen, dass mit dem Jahr 1933 die Herrschaft eines Regimes begann, das ihn aufgrund seiner Geburt zum „Staatsbürger 2ter Klasse“ erklärte und schließlich ins Schweizer Exil drängte, wo er – geistig gebrochen und körperlich erschöpft – 1941 starb.


Ernst Lohmeyer

Ernst Lohmeyer (1935–1946) gehört ohne Frage zu den bedeutendsten Neutestamentlern des 20. Jahrhunderts. Aufgewachsen in einem Westfälischen Pfarrhaus, studierte er in Tübingen, Leipzig und Berlin Theologie, Philosophie und Orientalische Sprachen. 1921 erhielt er, erst 31-jährig, einen Ruf an die Universität Breslau (als Nachfolger Rudolf Bultmanns). Als er sich 1932 während der Breslauer Universitätsrandale für einen bedrängten jüdischen Kollegen eingesetzte, geriet er in das Visier der Nationalsozialisten, die 1935 seine Strafversetzung nach Greifswald veranlassten.

Trotz dieses unfreiwilligen Wechsels erwies sich Greifswald für das weiterer Schaffen Lohmeyers wie auch für die Theologische Fakultät als ein Glücksfall. Hier in Greifswald verfasste er so wichtige Arbeiten wie „Galiläa und Jerusalem“ (1936), den bedeutenden Kommentar zum Markusevangelium im KEK (1937), „Kultus und Evangelium“ (1942), „Gottesknecht und Davidsohn“ (1945) oder „Das Vaterunser“ (1946). Eigenwillig in Sprache und Denken entzog er sich den vielfältigen Schulbildungen und -streitigkeiten seiner Zeit. Dass er den zunehmenden Antisemitismus in der Auslegung der biblischen Schriften beim Namen nannte und entschieden ablehnte, macht ihn in der Wissenschaftslandschaft der 1930er und 40er Jahre zu einer Ausnahmeerscheinung. Nach dem Buch seines Greifswalder Vor-Vorgängers Gerhard Kittel über „Die Judenfrage“ von 1933 etwa wandte er sich mit einem Brief an Martin Buber, in dem er sich klar von Kittel distanzierte.

Nach 1945 wurde Lohmeyer dank seiner integren Persönlichkeit zum ersten Rektor der neu zu organisierenden Greifswalder Universität gewählt. Dem kommunistischen System stand er jedoch ebenso kritisch gegenüber. In der Nacht vor der feierlichen Wiedereröffnung der Universität am 15. Februar 1946 wurde Ernst Lohmeyer vom NKWD verhaftet. Die Gründe – eine bis heute nicht völlig aufgeklärte politisch motivierte Denunziation – blieben ebenso wie sein Verbleib im Dunkeln. Von dem Tod Lohmeyers erfuhren die Familie und die Greifswalder Öffentlichkeit erst 1958. Bereits am 19. September 1946 war er in Greifswald erschossen worden. Im August 1996 erfolgte die vollständige Rehabilitierung durch den Generalstaatsanwalt der Russischen Föderation. Der Neubau, den die Theologische Fakultät im Jahr 2000 am Rubenowplatz bezog, trägt seither den Namen „Ernst-Lohmeyer-Haus“.

 

Otto Seeck

Als der gerade einmal 31-jährige Otto Seeck 1881 als außerordentlicher Professor nach Greifswald berufen wurde, wähnte er sich am Anfang einer glänzenden Karriere. Ein Professor in Greifswald sei „ein ziemlich großes Tier“, schrieb er stolz an seine kleine Schwester. Von nun an könne sich seine Position nur noch verbessern, und wenn sie sich nicht verbessere, so sei dies nur seine Schuld, denn er sei „auf eine Warte gestellt, wo jedermann mich sieht und es beachten muß, wenn ich etwas Beachtenswerthes hervorbringe“.

Und in der Tat standen alle Zeichen auf Erfolg: Sein Lehrer Theodor Mommsen war der bedeutendste Althistoriker seiner Zeit und hatte erheblichen Einfluss auf die Besetzungen altertumswissenschaftlicher Lehrstühle. Seeck selbst beherrschte das historische Handwerkszeug, war fleißig und originell, und er war ein faszinierender Lehrer. Vier Jahre nach seiner Ankunft in Greifswald wurde er zum ordentlichen Professor erhoben. Doch 25 Jahre später war er noch immer da, während er hatte zusehen müssen, wie andere ihm in Berufungen auf Lehrstühle größerer Universitäten vorgezogen wurden.

Dabei hatte er ein beeindruckendes Oeuvre vorgelegt: Noch immer kommt man an seinen Artikeln, Editionen und Monographien zur Spätantike nicht vorbei. Seine in Greifswald verfasste mehrbändige „Geschichte des Untergangs der antiken Welt“, die er als seine Lebensaufgabe betrachtete, verband Forschung und Geschichtsschreibung im großen Stil und vor allem ihretwegen wird er heute neben Theodor Mommsen und Eduard Meyer als großer Historiker seiner Zeit genannt.

Wieso hing er also bis zu seiner Versetzung nach Münster 1907 an der „Anfängeruniversität“ Greifswald fest? War es, wie heutige Althistoriker vermuten, sein für schwierig befundener Charakter, der ihn persönlich unbeliebt machte, oder seine Spezialisierung auf die Spätantike, die als Forschungsgebiet für eine große Universität zu eng galt? Oder kann es vielmehr sein, dass man ihn als Vertreter einer als „gefährlich“ empfundenen modernen Geschichtsauffassung mit allen Mitteln von einflussreicheren Lehrstühlen fernzuhalten suchte? Und was verbanden seine Zeitgenossen damit, wenn sie ihn als „Fanatiker seiner Ideen“, Unheilsbringer, Neuerer oder wie Max Weber gar als „Neuesten“ bezeichneten?

 

Konrad F. Ziegler

Gelehrter, demokratischer Politiker, Pazifist – ein Gerechter unter den Völkern. Die Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem, Yad Vashem, hat Konrat F. Ziegler (1884–1974) im Januar 2001 als „Righteous Among the Nations“ geehrt – für die Hilfe und den Schutz, den er jüdischen Menschen während des Holocaust bot.

Die Biographie dieses Altphilologen, dessen immenses Werk über den Kreis der Fachkollegen hinaus durch die abschließende Herausgabe von „Paulys Realencyclopädie“ bekannt wurde, ist auch – und mit Blick auf sein Greifswalder Wirken sogar überwiegend – eine politische Geschichte.

 

Julius Wellhausen

Der Theologe und Orientalist Julius Wellhausen (1844–1918) war von 1872 bis 1882 Professor für Altes Testament in Greifswald. Er heiratete hier die älteste Tochter des Greifswalder Chemikers Heinrich Limpricht. Da der preußische Kultusminister Friedrich Althoff seinem Antrag auf Versetzung in die Philosophische Fakultät nicht stattgab, legte Wellhausen 1882 aus Gewissensgründen seine Professur in Greifswald nieder und habilitierte sich im Fach Semitische Philologie. Auf dieser Grundlage konnte er zum Professor für Orientalische Sprachen erst in Halle, dann in Marburg und schließlich in Göttingen berufen werden.

 

Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff

Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff (1848–1931) gehört fraglos zu den bedeutendsten deutschen Altertumswissenschaftlern. In seinen Arbeiten, aber auch in seiner akademischen Lehre repräsentierte er ein Konzept der Erforschung des Altertums, das man als einen Höhepunkt des Historismus bezeichnen darf. In Greifswald, seiner ersten akademischen Station, begann Wilamowitz dieses Konzept – auch als Habitus – auszubilden, unter dem Einfluss gerade von Kollegen einer Universität, die sich offenbar im Umbruch befand.