Jasper Bothe (Kiel), Simon Hauke (Münster), Paul Theissen (Berlin): Historiographie und Identitätsstiftung in Mittelalter und früher Neuzeit

Der vorliegende Arbeitskreis befasst sich mit der identitätsstiftenden Fakultät von Geschichtsschreibung im vormodernen Skandinavien. Seit Längerem ist bekannt, dass Historiographie ihre Inhalte in Antwort auf jeweils zeitgenössische Fragestellungen konstruiert, anstatt – nach Leopold von Ranke – schlicht zu schildern, „wie es eigentlich gewesen“ ist. Diese Konstruktionen dienen der Selbstverortung von Kollektiven in der Geschichte und damit der Stiftung von Gruppenidentitäten. Da dies für die vormoderne noch stärker als für die moderne Geschichtsschreibung gilt, untersucht der Arbeitskreis die Historiographie in der Periode vom Entstehen der ersten Schriftquellen im 12. Jahrhundert bis zur zunehmenden Integration skandinavischer Geschichte in einen europäischen Gelehrtendiskurs im 18. Jahrhundert, der die Ausbildung der modernen Wissenschaften nach sich zieht. Dieser Rahmen ermöglicht eine eingehende Untersuchung der nordisch-vormodernen Konstruktion historisch begründeter Identitäten unter Berücksichtigung der sie kennzeichnenden Konstitutionsbedingungen in ihren Eigenlogiken und ihrer spezifischen historischen Bedingtheit.
Mögliche Fragestellungen betreffen das vormoderne Geschichtsverständnis und die Mittel der Konstruktion von Geschichte („Wie werden durch Geschichtsschreibung Identitäten geschaffen?“), die Konturierung der durch solche Identitätsstiftungen angesprochenen Kollektive („Welche Gruppen werden ein- oder ausgeschlossen?“), intertextuelle Bezüge („Wie nehmen neue Texte auf bestehende Geschichtskonstruktionen Bezug?“) oder die handschriftliche Überlieferung („Warum und in welchen Zusammenhängen werden bestimmte Texte und ihre Geschichtsbilder tradiert?“). Durch das Zusammenführen verschiedener, einander ergänzender kulturwissenschaftlicher Perspektiven soll ein besseres Verständnis der vormodernen skandinavischen Geschichtsschreibung im Hinblick auf die Aushandlung von Identitäten ermöglicht werden.

Dienstag, 22.09.2026
12:00–12:30 Uhr Andreas Schmidt (München)
Spätmittelalterliche Machtpolitik als historiographisches Nadelöhr? Identitätsstiftende Narrative im Umfeld der Kalmarer Union (c. 1400–1600)

12:30–13:00 Uhr Jasper Bothe (Kiel)
Hrólfr kraki und die Anfänge der dänischen Historiographie

14:30–15:00 Uhr Simon Hauke (Münster)
Die Viabilität der forn ǫld: Zu den Geschichtskonzepten Snorri Sturlusons

15:00–15:30 Uhr Markus Dolinsky (Erfurt)
Heidnisch, weiblich, widerständig: Ein Erzählstrang der Heimskringla intersektional analysiert

15:30–16:00 Uhr Josef Juergens (Greifswald)
Fram, fram kristsmenn, krossmenn, keisaramenn: Zur Adaptation der Vita Constantini in der Heimskringla

Mittwoch, 23.09.2026
9:00–9:30 Uhr Paul Theissen (Berlin)
Hierarchiebildung durch Selbstmarginalisierung: Paneuropäisches Geschichtsbild als nordisches Politikum am Beispiel von Alexanders saga

9:30–10:00 Uhr Yanick Krause (Bonn)
Historiographie und Mythos: Trojanische Vergangenheit als Modus der Identitätsbildung im mittelalterlichen Skandinavien

10:00–10:30 Uhr Sebastian Schindlbeck (München)
Abgrenzung und Identitätsbildung bei der Rezeption historiographischer Narrative: Die berserkir der Eyrbyggja saga

10:30–11:00 Uhr Lucie Korecká (Prag)
Geirmundar þáttr heljarskinns und Identitätsstiftung in der Sturlunga saga

11:00–11:30 Uhr Malina Peter (Münster)
Sem öll önnur í veröldinni: Narrative der skattland-Werdung Islands in der Hákonar saga Hákonarsonar und der Íslendinga saga

Donnerstag, 24.09.2026
9:00–9:30 Uhr Anja Blode (Köln)
Konstanten und Wandel: Die Überlieferung und Rezeption der Annales Ryenses im 14. und 15. Jahrhundert

9:30–10:00 Uhr Jan-Niklas Flügel (Münster)
‚Was einer vorhero gehabt [...] kan schwerlich für neu geschenket aus Gnaden, angesehen werden‘: historiographische Versuche zur Schaffung einer schwedisch-pommerschen Identität im 18. Jahrhundert

10:00–10:30 Uhr Vivien Specht (Kiel)
Kartoffeltyskere made in Dänemark: Identitätsstiftung in wirtschaftlichen Fachblättern und Landesbeschreibungen im ausgehenden 18. Jahrhundert

10:30–11:00 Uhr Indrani Turton (Paris)
From Cultural Memory to Saga: Reconstructing Scandinavian Identity through Medieval Historiography and Contemporary Medievalism in Scandinavian Metal
 

Raum: Seminarraum 0.25 (Ernst-Lohmeyer-Platz 1)

Alle weiteren Informationen und Anmeldung unter https://ifs.uni-greifswald.de/atds-2026/
 

Kontakt
Institut für Fennistik und Skandinavistik
Ernst-Lohmeyer-Platz 3
17489 Greifswald
Telefon +49 3834 420 3600/3623
atds2026uni-greifswaldde

Veranstaltungsort

  • Ernst-Lohmeyer-Platz
    Ernst-Lohmeyer-Platz .
    17489 Greifswald