Forschungsprojekt
Der Mensch und das Meer von Romantik bis Anthropozän. Eine Umweltgeschichte des Ostseetourismus (abgeschlossen 2025)
ein Forschungsprojekt von Jan-Hinnerk Antons
Der moderne Ostseetourismus verdankt seine Entstehung ab etwa 1800 einem grundlegenden Wandel im Mensch-Meer-Verhältnis. Durch naturwissenschaftliche, medizinische und romantische Diskurse wandelte sich das Meer von etwas Bedrohlichem zu einem Erholungsort für Körper und Seele. Die Küsten der Ostsee wurden zu einem Sehnsuchtsort.
In dem Projekt untersuche ich die Geschichte des Ostseetourismus im 19. und 20. Jahrhundert durch ein Prisma der Mensch-Meer-Beziehungen. Es handelt sich damit um eine Umweltgeschichte, die primär kulturalistisch und nur sekundär materialistisch geprägt ist. Die Kernthese der Arbeit ist, dass die ab ca. 1970 im gesamten Ostseeraum dominanten Umweltdiskurse zurückzudrehen drohten, was sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt hatte: Die Konzeption der Ostsee als Ort der physisch und psychisch gesundenden Naturbegegnung. Diese Diskurse entstanden freilich nicht im luftleeren Raum, sondern basierten auf tatsächlich von alarmierten Wissenschaftler*innen festgestellten ökologischen Schäden des Ökosystems Ostsee, die im Projekt auf ihre jeweiligen Wirkungen auf den Tourismus hin untersucht werden. Die Arbeit analysiert daran anschließend, welche Reaktion die Gesellschaften rund um die Ostsee auf die ökologische Krise zeigten, wie sie dabei interagierten und den Ostseeraum damit als Einheit konstituierten. Nationale Räume werden weniger verglichen als verflochten, denn internationale Kooperation spielt hier ebenso eine Rolle wie transregionale Verflechtung, Wissens- und Kulturtransfer.
Tourismus wird dabei grundsätzlich als Ausdruck eines modernen Bedürfnisses nach Alltagsdistanz, Rollenvariation und neuen Körper- und Naturerfahrungen verstanden, die sowohl als Reaktion der Individuen auf die funktionale Differenzierung der Gesellschaft gelesen werden können, als auch auf Diskurse über ein Unbehagen an der Moderne.
Aus dieser Perspektive untersuche ich im Forschungsprojekt die Wandlungen des Mensch-Meer-Verhältnisses in ihrer Wirkung auf den Ostseetourismus als auch in der Gegenperspektive den Einfluss des Tourismus auf das Mensch-Meer-Verhältnis. In großen Linien verfolge ich dabei in einem ersten Teil die Etablierung der Ostseeküste als Erholungsraum und Sehnsuchtsort und die Weiterentwicklung des Tourismus samt seiner sozialen Ausweitung im 19. Jahrhundert. Der zweite Teil fokussiert neue Körper- und Naturbezüge des Tourismus der Hochmoderne wie Freikörperkultur, Versportlichung und Camping und skizziert einen skandinavischen Sonderweg im Tourismus, der auf Sommerhauskultur und Friluftsliv basiert.
Der dritte Teil analysiert schließlich neue Diskurse im Ostseetourismus des Anthropozän. Denn ab 1970 gefährdete das Bild der Ostsee als „schmutzigstes Meer der Welt“ [Bild Spiegel Cover] die wichtigsten Grundlagen des Tourismus. Baden galt nun als potentielle Gesundheitsgefahr und das Bild der Kloake drohte den „Spiegel der Seele“ zu vergiften. Welche Antworten fanden die Tourist*innen, die Tourismuswirtschaft, Politik und Zivilgesellschaften auf diese Herausforderungen?
Um Spezifika, Brüche und Kontinuitäten sichtbar machen zu können, werden eine Perspektive der longue durée und ein großer geographischer Zuschnitt gewählt: Von der Entstehung des ersten Ostseebades, Heiligendamm 1794, bis zum Ende der Systemkonkurrenz in Europa in den frühen 1990ern; von Sopot und Travemünde im Süden bis Terijoki (Selenogorsk) bei St. Petersburg im Osten, Mariehamn auf den Åland-Inseln im Norden und Skagen im Westen.
Die Makro-Perspektive muss aufgrund eines nicht immer hinreichenden Forschungsstandes und prinzipieller Erwägungen notwendigerweise durch das Hineinzoomen in die Mikroperspektive unterbrochen werden. Denn eine Verknüpfung beider Ebenen verspricht eine übermäßige Fokussierung auf Strukturen zu umgehen und empirische Fundierung zu ermöglichen. Das Denken in nationalen Räumen, welches sich anhand des Themas allenfalls als eine komparative Analyse konzipieren ließe, soll hier bewusst gleichzeitig über- und unterschritten werden. Regionale und transnationale Zugriffe bieten einen plausibleren Rahmen, um dem Phänomen Ostseetourismus gerecht zu werden.



