Heiligenkulte wurden direkt nach der Christianisierung der nördlichen und östlichen Ostseeregionen für die Formierung christlicher Identitäten verwendet. Nach dem Mittelalter, in der Frühen Neuzeit und auch in der Moderne fand eine weitere Mythologisierung der Kulte von lokalen Heiligen statt, zudem wurden Helden in der mittelalterlichen Vergangenheit gefunden. Helden waren historische Persönlichkeiten, die mit einem bestimmten Ereignis verbunden waren und wichtig für die Entstehung eines (Selbst)-Bildes der Identität der Gruppe wurden. In der Zeit der Nationalromantik wurden einige dieser HerrscherInnen, Heerführer oder Gelehrten in einen Status von Nationalhelden/heldinnen erhoben. Heilige und Helden erwiesen sich als Symbolfiguren, in denen grundlegend wichtige Bilder des ethnokulturellen und dann des nationalen Diskurses verkörpert wurden. Dank dieser wurde die Entstehung einer „imagined community" möglich. Das Projekt plant die Erforschung der Entwicklung dieser Bilder mittelalterlicher Heiliger und Helden vom Mittelalter bis zur Frühneuzeit und Neuzeit im Ostseeraum und schließt damit eine Lücke in der Forschung zu Helden, die sich vor allem auf Westeuropa konzentriert hat. Alle christlichen Konfessionen (Katholizismus, Protestantismus, Orthodoxie) sind hier vertreten, und die vorchristlichen Religionen blieben lange Zeit einflussreich. Die ursprüngliche Vielfalt der Identitäten macht diese Region für die vergleichende Forschung besonders interessant, wie auch die offensichtlichen Unterschiede in den Präferenzen für die ausgewählten Helden: männlich oder weiblich, individuell oder kollektiv, militärisch oder intellektuell. Ziel dieses Projekts ist eine vergleichende Analyse von Schlüsselpersonen der nationalen und lokalen Identität im Ostseeraum – im Wesentlichen: Was hat einen Menschen dazu qualifiziert, in späteren Zeiträumen ein Held zu werden? In einigen Fällengeht es hier um den eigentlichen Personenkult, in anderen leihen diese Personen ihren Namen nur Orten, die für eine bestimmte Bevölkerung von Bedeutung sind. Der Vergleich dieser Phänomene wird tiefere Einblicke in die Entwicklungsmuster nationaler und nationalistischer Kulturen an der Ostsee ermöglichen und so dazu beitragen, Unterschiede in der gegenwärtigen politischen Kultur zu erklären. Hatten bestimmte Länder und Regionen einen besonderen Geschmack für kriegerische Könige? Wie verlief die Entwicklung der männlichen und weiblichen Identifikationsfiguren? Wie haben sie begonnen? Wie haben sie sich in der Geschichte verändert? Räumlich deckt die Studie Norddeutschland, Skandinavien, Südfinnland und Karelien, die nordwestlichen Länder Russlands, das ehemalige Livland (das heutige Estland und Lettland), das ehemalige Großherzogtum Litauen (das heutige Litauen und Weißrussland) sowie Teile des Königreichs Polen ab (Polen-Litauen).
Projektleitung (Universität Greifswald): Prof. Dr. Cordelia Heß
Wissenschaftlicher Mitarbeiter (Universität Greifswald): PhD Gustavs Strenga
Förderung: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 445187042
Laufzeit: 01.04.2021-31.03.2024
Internationaler Bezug: Estland, Finnland, Russische Föderation
Partnerorganisation: Russian Science Foundation, bis 3/2022 Kooperationspartnerinnen / Kooperationspartner: Svetlana Sergeevna Abuzina, bis 3/2022; Professor Dr. Aleksander Iljich Filyushkin, bis 3/2022; Professor Dr. Christian Krötzl; Tatyana Dmitrievna Medvedeva, bis 3/2022; Dr. Katie Parppei; Professor Dr. Anti Selart; Professorin Dr. Marianna Mikhailovna Shakhnovich, bis 3/2022; Irina Nikolaevna Smirnova, bis 3/2022; Professor Dr. Roman Aleksandrovich Sokolov, bis 3/2022; Dmitry Ivanovich Weber, Ph.D., bis 3/2022
Kontakt zwischen den indigenen Bevölkerungen des Nordens und den christlichen Siedlern und Händlern bestand bereits seit Jahrhunderten, bevor Missionare zu Agenten des europäischen Expansionismus wurden - trotzdem werden diese Begegnungen zwangsläufig als Vorgeschichte der kolonialen Herrschaft interpretiert. Hier unterscheidet sich das Narrativ über die Christianisierung der indigenen Bevölkerungen grundsätzlich etwa von jenem über die Christianisierung der skandinavischen Könige, die etwa gleichzeitig stattfand und als eine bewusste politische Strategie bei gleichzeitiger Wahrung der eigenen kulturellen Identität gelesen wird. Dies scheint eine Projektion aus der ex post-Perspektive des Kolonialismus zu sein, die eine vorherbestimmte europäische Dominanz und Überlegenheit bereits während der frühesten Kontakte als gegeben annimmt. Dieses Projekt wird diese Projektion rigoros in Frage stellen, indem die verfügbaren schriftlichen und materiellen Quellen neu gelesen werden. Dabei werden Konversion und kultureller Kontakt als Prozesse zumindest mit dem Potential gegenseitigen Interesses und Vorteils dargestellt, ohne die fatalen Folgen der späteren kolonialen Unterdrückung zu negieren. Das Projekt verfolgt drei Ziele: Erstens, die Geschichte der mittelalterlichen religiösen und kulturellen Kontakte des Nordens im Vergleich zu anderen Konversionsprozessen neu zu schreiben. Dabei sollte weder die "tränenreiche" Erzählung noch in eine Apologetik für den nördlichen Kolonialismus als „benevolenter“ Form der Herrschaft und Ausbeutung reproduziert werden. Zweitens, um die anachronistische Projektion späterer Entwicklungen auf religiöse Kontakte in früheren Jahrhunderten zu reduzieren, werden die jahrhundertelangen, weitgehend friedlichen Kontakte - oder deren Fehlen - in die Gesamtgeschichte des nordischen Kolonialismus integriert. Der Schlüssel zum Verständnis der mittelalterlichen Wurzeln des modernen Kolonialismus besteht darin, religiösen Kontakt und Missionierung von der Kolonisation zu trennen und folglich eine jeweils eigene Periodisierung dafür zu entwickeln. Drittens liegt das Ziel dieses Projekts auf methodologischer Ebene in der chronologischen und geographischen Integration der Geschichte der mittelalterlichen Christianisierung und Kolonisation des Nordens in die Theorie der Postkolonialen Studien mittels der Anwendung der historischen Semantik als integrative Methode für schriftliche und materielle Quellen. Gleichzeitig wird die Anwendung von postkolonialer Terminologie und Konzepten sowie interdisziplinärer Ansätze, wie sie aus der Wikingerstudien und den Jüdischen Studien bekannt sind, kritisch für die mittelalterlichen Kontakte zwischen Christen und indigenen Bevölkerungen in Grönland und Sápmi geprüft.
Projektleitung (Univ. Greifswald): Prof. Dr. Cordelia Heß
Wissenschaftliche Mitarbeiter (Univ. Greifswald): Dr. Solveig Wang und Erik Wolf
Förderung: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 454766761
Laufzeit: 2021 bis 2025
Internationaler Bezug: Dänemark
Kooperationspartner: Dr. Christian Koch Madsen
Virtual University of the Baltic Sea Region
Die Virtuelle Hochschule Ostseeraum ist ein internationales, institutionenübergreifendes und interdisziplinäres Projekt, das darauf abzielt, eine neue virtuelle Lernumgebung an der Universität Greifswald zu etablieren und die Zusammenarbeit zwischen den Hochschulen im Ostseeraum zu fördern.
Ziele
- Verbesserung und Spezialisierung des Lehrangebots für Masterstudenten und fortgeschrittene Lehrerprogramme;
- Qualifizierung von akademischen Lehrkräften für den Einsatz von englischen virtuellen Lernumgebungen;
- internationale Anbindung der virtuellen Lernangebote und damit Spezialisierung der Angebote für den Forschungsschwerpunkt Ostseeraum;
- übertragbare Anwendung für alle Fachbereiche der Universität Greifswald.
Internationale virtuelle Lernumgebung
Die Lehr- und Lernaktivitäten finden im gemeinsamen digitalen Raum statt. Vorlesungs- und Seminarformate werden von einem internationalen Team von Lehrenden der Partneruniversitäten gemeinsam gestaltet. Die Studierenden können sich im Selbststudium mit online abrufbaren Einheiten (asynchrone Lehre), in Online-Sitzungen mit allen Studierenden und Lehrenden (synchrone Lehre) sowie in selbstgeplanten Gruppenarbeiten in internationalen Arbeitsgruppen engagieren. Die Studierenden werden von den Lehrenden in kooperativen Projekten begleitet, forschendes Lernen ist ein zentraler Bestandteil der Lehrveranstaltungen. Wenn es die Reisesituation zulässt, wird der Kurs durch eine einwöchige Exkursion abgerundet.
Da sich die Arbeitsgruppen aus Teilnehmern aus verschiedenen Ländern zusammensetzen, wird neben der Internationalisierung der Lehre auch eine internationale Vernetzung der Studierenden ermöglicht. Eine virtuelle Lernumgebung ermöglicht es auch Studierenden mit sozialen oder persönlichen Problemen (z.B. Elternschaft, Umzug, Krankheit, Pflege eines Familienmitglieds), Kurse zu absolvieren, die ihnen sonst unmöglich wären.
Das Projekt ist Teil der Internationalisierungsstrategie der Universität Greifswald. Die Zusammenarbeit der Dozenten fließt auch in den Greifswalder Forschungsschwerpunkt "Kulturen des Ostseeraums" ein.
Partner universities
St. Petersburg University* (*This cooperation is suspended in this project until further notice).
The project is open to new partnership proposals and ideas.
Contact:
Head of the project (Greifswald):
Coordination (Greifswald):
Dr. des. Vitali Byl
Stockholm:
Tampere:
Prof. Christian Krötzl
St. Petersburg*:
Funding:
International Virtual Academic Collaboration program (IVAC) by German Academic Exchange Service:
Mobility in the Medieval and Early Modern Baltic Sea Region (01.09.2020 – 30.09.2021)
Spatial Dimensions of Mobility in the Medieval and Early Modern Baltic Sea Region (01.01 – 30.11.2022)
Program „Digitale Lehre“ within Digitale Agenda der Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern:
Virtual University of the Baltic Sea Region - Qualification for digital English-language teaching (2020-2023)